- Details
S. habe ich in einem Kurs kennen gelernt, damals suchte sie eine Lehrstelle. Gern in der Nähe ihres Wohnortes, gern in einer Bäckerei, aber auch sonst war S. offen für Angebote. „Hurra, ich habe die Lehrstelle als Bäckerin und das daheim bei mir in XX!“ Diesen Aufruf hörte ich, als der Rest der Welt über die Zentralmatura jammerte, alle 18-Jährigen als Maturanten sah und dabei völlig vergaß, wie viele jungen Menschen sich über eine Lehrstelle freuen. Freuen würden. Ja, ja, los geht die Jammerei, dass die schlecht in Deutsch und noch schlechter in Rechnen seien: Schluss damit. S. steht seit acht Wochen täglich um 4.00 auf und beginnt dann – manchmal noch sehr verschlafen, es werde aber immer besser – in der Bäckerei.
Gestern hat sie mich besucht und mir Handsemmeln mitgebracht: „Die habe ich selber gemacht. Und das ist echt schwierig. Aber mit jedem Tag kann ich es besser.“ Wie S. ihre Lehrstelle fand: Durch die Unterstützung von Menschen, die an die 16-Jährige glaubten, die ihr zutrauten, durchzuhalten, es gut machen zu wollen. Eine junge Frau, die bei mir Märchen schrieb, im Dialekt und manche auch von hinten erzählen musste, die ihre Grammatik verbesserte und Poetry-slams interessant fand, hat die Semmeln gemacht, die ich jetzt gleich esse, eine davon, die andere kriegt mein Mann. „Danke, das weiß ich zu schätzen!“ So solls sein, am Frühstückstisch und im echten Leben mit jungen Menschen.
- Details
Bibliotherapie, kennen Sie das? Nun, das machen auch so richtige Psychologen und -lytiker, und die noch mit Existenz vorn dran, die machen das ganz sicher ganz perfekt. Aber ist es nicht auch eine Form von Bibliotherapie, einem lieben Menschen ein für ihn möglicherweise bedeutsam werdendes Buch zu empfehlen, oder einen Text, es muss ja nicht immer eine Geschichte sein. Auch ein Sachbuch unterstützt einen manchmal, wenn man verunsichert durch sein eigenes kleines Leben trippelt.
Mich haben stets Biografien belebt und der Roman "Schöne Tage" von Franz Innerhofer hat viel in meiner Sicht auf die Welt verändert. Auch "Momo" von Michael Ende hat mich nachdenklich gemacht, ich war einer Freundin dankbar, die sich nicht davon abbringen ließ, mir ein Kinderbuch zu schenken. Ach, diese Einteilungen, Erwachsenenbuch hier und Kinderbuch dort: Wir älteren Menschen lernen doch so viel von den Geschichten für Kinder. Wir lachen uns durch die Pappbilderbücher, wir leiden mit den Heldinnen und Helden und wollen uns doch auch die Welt genau so lesen, wie sie uns gefällt. Bibliotherapie: Vom "Kleinen Ich bin Ich" von Mira Lobe bis zu Arno Geigers "Der alte König in seinem Exil", mit Wolfsgruber, Innerhofer und Mitgutsch dazwischen. Ein Versuch.
- Details
Wenn ich im Stau stehe, im Auto sitzend also mehr im Stau sitze als stehe, frage ich mich, warum alle anderen auch immer da sind. Die könnten bei dem schönen Wetter heute, Freitag, 22. August, doch daheim am Balkon chillen oder auch arbeiten oder in einer Bibliothek gerade Medien entlehnen. Nein, die müssen auch in ihren blöden Autos sitzen und von Freilassing in Richtung Salzburg fahren. Gut, auf der Gegenfahrbahn, da waren schon auch ein paar Leute, die sind vielleicht gerade heim in ihre Gärten gefahren. Aber ich rede jetzt von denen vor und hinter mir!
Aus Frust über die Schlange, die Warteschlange, bin ich zu IKEA gefahren, auf einen Kaffee. Da waren sie schon wieder. Die Schlangen-Leute, die, die nie dort sind, wo sie nicht stören, sondern immer genau vor mir in der Schlange. Wer bitte braucht heute etwas anderes als Kaffee? Wer muss Bosna - ja, gibts bei IKEA - und sonstiges zu sich nehmen, wenn es doch Kaffee gibt. Ja, daheim. Nur ich will heute freie Fahrt und einen Angestellten vorfinden, der sich um meinen Kaffeebecher kümmert.
Warum ich das schreibe? Weil ich jetzt fünf Tage bereits völlig tolerant überall in Warteschlangen stand. Weil ich dabei noch freundlich gelächelt habe. Weil ich das so gar nicht mag, das Warten. Und weil es für heute reicht. Ich setz mich jetzt in den Garten, ich geh nicht mehr vor die Tür und schalte meine Kaffeemaschine ein. An mir kann es also ab jetzt, Freitag, 22. August 2014, 14.30 Uhr nicht mehr liegen, dass es in Salzburg Staus gibt.
- Details
Eigentlich ist es der Busfahrschein. Eigentlich war es eine Eintrittskarte, es war auch eine Rechnung aus einem Cafe, nie eine Eselsohr.
Dann kamen bestickte Exemplare, geschenkt von einem besonderen Menschen, die mag ich sehr. Dann wieder eine Quittung, dann auch noch ein schlichtes Band.
Ich merke, dass ich heute viel seltener als früher "außer Haus", also im Bus, auf einer Wiese etc. lese, denn ich lese zu Hause dann, wann ich Ruhe habe und die habe ich doch meistens. Dann lese ich in einem den Text durch, Stunden dürfen vergehen und ich sehne mich nach Unterbrechungen. Es sind ja die Unterbrechungen, die den Text noch reizvoller machen: Man muss schnell ins Büro, dann kann man weiterlesen. Nur die letzten drei Seiten, die kommenden fünf Kapitel noch. Atemlosigkeit gehört auch ein bisschen zum Lesen, finde ich.
Also werde ich jetzt ein Buch bewusst so zu lesen beginnen, dass ich Pausen einplane und nach einem passenden Lesezeichen suchen muss. Ich bin schon neugierig, was ich finde, was ich nehme und ob ich es schaffe, Pause zu machen.
- Details
Wer aus Lienz kommt, muss nicht Schi fahren können
Von Lienz aus bin ich immer mit dem Zug nach Innsbruck gefahren, viele Kurven habe ich ausgehalten, mir war bei der Ankunft immer schlecht. Später dann fuhr ich von Salzburg aus – also weniger kurvenreich und auch ohne Übelkeit – nach Innsbruck zu Sitzungen. Da habe ich mir zum ersten Male die Einwohner der Tiroler Landeshauptstadt angeschaut und mich gleich zu fürchten begonnen. Alle, wirklich alle, hatten Sportjacken, -hosen und -schuhe an, manche trugen Helme. Alle fuhren Rad, hatten dabei Schi am Gepacksträger oder auch Steigeisen. Daraus lernte ich, dass die Innsbrucker immer mindestens zwei Sportgeräte bei sich tragen und häufig in Gruppen auftreten. Sie warten stets auf Busse – bis auf die mit den Rädern! –, die sie vermutlich auf Sprungschanzen, auf Gipfel oder sonst wohin, wo ich es gefährlich finde, bringen. Stell dir vor, du gehst mit deiner Büchertasche durch die Straße und landest dann in so einem Bus, schnell hängst du irgendwo am Seil, stehst auf der Berg-Isel-Schanze und nur der Tod ist dir dann sicher. Über 30 Jahre bin ich ängstlich durch die an sich ja nicht unsympathische Stadt gerannt, immer auf der Flucht vor der sportlichen Masse. Im März 2012 habe ich ein Cafehaus entdeckt. Darin saßen Menschen. Ganz normal bekleidete, Kaffee trinkende Leute. Keiner hatte ein Sportgerät dabei. Ich habe Hoffnung.
Seite 5 von 6